Schweiz - Wilhelm, tell me a story

Eine Tour durch die Schweizer Alpen mit zeitgeschichtlichem Hintergrund:

Wilhelm, Tell me a story ….


Nun, vielleicht mag es an der geringen PS-Zahl gelegen haben, mit der sich Herr Tell vor vielen Jahrhunderten durch die Schweiz bewegt hat, dass er noch anderweitig seinen Erlebnishunger stillen musste. Uns jedenfalls, mit einer Vielzahl dessen an Pferdestärken unter dem Hintern, bescherte das kleine aber feine Land ein rundum zufriedenstellendes Tourenerlebnis. Somit ließen wir die Abende, anstatt mit dem Schießen von Äpfeln auf den Köpfen unserer Kinder, lieber mit Zielwasser und anderen Leckereien ausklingen.

Da stehen sie wieder vor mir. Diese „Milka-Montelinos“, nur um ein Vielfaches größer und beeindruckender. War schon die auf der Zunge zergehende Schokolade ein Genuss, so wusste ich genau, dass mir die geteerten Adern, die sich all-überall durch die großen Geschwister der kleinen Schokoladenberge ziehen, ein noch weit größeres Glücksgefühl in die Bauchgegend zaubern würden.

Schon bei der Anreise, als sich die Alpen das erste Mal am Horizont präsentieren, weiß ich, dass das Ende eines längeren Entzuges bevorsteht. Allein der Anblick der Felskolosse lässt mich sehnsüchtig die Gashand bewegen. Ich muss schmunzeln, da eine Erinnerung an meine letzte Tour durch das höchste, der inner-europäischen Gebirge aufkommt: „Es war das Ende eines wundervollen Motorradtages, an dem mich wiedermal eine plötzliche Ehrfurcht vor den Mächten der Natur überkam.

Welch Kräfte mussten gewirkt haben, um die Gesteinsschichten in die Höhe zu schieben, die uns heute solch bezaubernde Fliehkrafterlebnisse bescheren? Ich hatte die Antwort schnell gefunden. Es können nur zwei dieser muskulösen Biker in Lederjacken gewesen sein, die wild entschlossen und unter vollem Einsatz Steinplatten solange aufeinander schoben, bis daraus dieser Freizeitpark für motorisierte Zweiradler entstanden war.“ Ja, das leuchtet mir immer noch ein. Einige Autobahnkilometer später ist es dann auch schon soweit und ich darf die Ausläufer der Alpen nicht mehr nur visuell, sondern mit beinahe allen Sinnen genießen. Auf dem Weg in unsere Herberge gönnen wir uns bereits einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns die nächsten Tage erwarten wird. Wir verlassen die A4 schon bei Steinhausen, um uns von östlicher Seite an Beckenried, wo der Niedwaldnerhof auf uns wartet, anzunähern. Eine gute Entscheidung. Knapp 20 Kilometer lang können wir in das tiefblaue Wasser des Zugersees blicken und die Spiegelungen unserer neonfarbenen MotoRoute-Jacken verfolgen.

Durch eine kurze Tal-Passage kommen wir dann schnell an den Rand des „Ziel-Wassers“: Der Vierwaldstättersee, an dessen Ufer der Niedwaldnerhof uns beherbergt. Da ich mein Amphibienfahrzeug daheim in der Garage gelassen habe, braucht es aber noch ein paar mehr als die geschätzten 7 Kilometer Luftlinie, um über den See zum Hotel zu gelangen. Doch selbst nach einigen Stunden im Sattel macht dieser kleine Schlenker um den See herum noch Freude. Ausblick und Fahrgefühl vertreiben jeglichen Anflug von Müdigkeit. Was bleibt ist Hunger, doch auch der sollte nicht lange anhalten. Nachdem wir den Motorrädern in der hauseigenen Tiefgarage „Gute Nacht“ gewünscht haben, geben wir uns der reichhaltigen Speisekarte hin. Am nächsten morgen gilt es erst mal eine Hürde zu meistern. Das Zimmer in dem ich nächtige ist eines der „Seezimmer“, die einen wundervollen Blick auf das kühle Nass und die traumhafte Landschaft, in die das Hotel eingebettet ist, freigeben. Nach dem Aufstehen sitze ich auf dem Balkon und die Sonne glitzert auf der Wasseroberfläche. So verlockend der bevorstehende Motorradtag auch sein mag, es fällt mir schwer, mich von diesem Ort zu lösen. Doch die Kehrseite der Medaille: Ein Bisschen freue ich mich schon auf die abendliche Rückkunft an diesen schönen Ort, sodass der Motorradtag in eine wahrhaftige Erholungsstätte eingebettet ist. Beim Frühstück studieren wir die Tour, die uns Hausherr Rolf am Vorabend nahegelegt hat. Leider kann er uns heute nicht, wie er es sonst gerne tut, selbst durch die Vielzahl an Schönheiten der Umgebung führen, da dies die Arbeit nicht zulässt. Doch seine enthusiastische Schilderung des Rundkurses hatte uns ohnehin überzeugt, dass es um den Niedwaldnerhof zu viel Schönes gibt, als, dass wir es selbst ohne Guide verfehlen könnten. „Auf den Spuren Wilhelm Tells ...“ steht über der entenförmigen Streckenführung. Auch wenn ich nicht scharf darauf bin, meinen Kopf für seine waghalsigen Armbrust-Experimente zur Verfügung zu stellen, so bin ich, gestärkt durch ein reichhaltiges Buffet, hoch motiviert, mich auf Spurensuche zu begeben.

Das erste Stück des Weges kommt mir bekannt vor. Diesen Tunnelblick hatte ich gestern Abend bereits kennengelernt. Nein, nicht das eine Ankunfts-Bier, das ich mir genehmigt hatte, war schuld, sondern schlicht der Fakt, dass der erste kurze Abschnitt uns durch den Seelisbergtunnel führt, den wir bei unserer Anreise bereits passiert hatten. Nach dem etwa zehn Kilometer langen Dunkelabschnitt wirkt es, als fahren wir auf einen immer größer werdenden Bilderrahmen zu, dessen Inneres mit einem traumhaften Alpenpanorama geschmückt ist. Es ist die Eintrittstür in diese wundervolle Verschmelzung von Weite und Enge, von kribbelnder Spannung in den vielen Kurven und befreitem Aufatmen, wenn die höchsten Punkte der Anstiege die Aussicht auf die umliegende Landschaft freigeben. Das allseits präsente, saftige Grün der Wiesen fliegt an meinem Helm vorbei. Ich denke mir: „Auch als Kuh würde ich hier Urlaub machen. Nur die Vorstellung im menschlichen Magen zu enden erscheint mir dann doch als weniger sympathisch.“ Wären wir nicht gerade erst losgefahren, würde das Tell Museum in Bürglen locken. Dokumente und Geschichten aus über 6 Jahrhunderten sind in den Räumlichkeiten versammelt. Leider ist das Museum im Normalfall nur bis 17.00 geöffnet, sodass es für einen Besuch nach der Tour wohl zu knapp wird. Bürglen gilt als Heimat Wilhelm Tells.

Aus unerfindlichen Gründen bekomme ich Lust, den Pausenapfel zu verspeisen, den ich in mein Topcase gepackt habe. Doch auch dafür ist es zu früh. Über Spiringen und Balm gleiten wir gen Westen. Die Straße ist gesäumt von Bergen jenseits der 2000er Marke. Entsteht sonst, wenn ich auf meinem „Bock“ sitze immer ein gewisses Gefühl der Überlegenheit, so beschleicht mich neben diesen Ungetümen ein Eindruck der Nichtigkeit. Immer wieder warten fantastische Kehrensammlungen darauf, von uns passiert zu werden. Linke und rechte Fußraste liefern sich ein stetiges Duell, wer dem Asphalt näher kommt. Es sind diese Schräglagenkombinationen, die auf Karten mit kleinen Maßstäben nur noch als Flecken und nicht mehr als einzelne Biegungen zu erkennen sind. Ich freue mich, als ich daran denke, dass Heinz, dessen Kawasaki Cruiser sich vor mir durch die Kurven schraubt, mit Sicherheit ebenfalls dieses wohlige Grinsen auf den Lippen trägt, wie es bei mir der Fall ist.

Plötzlich schießt etwas Rotes an mir vorbei. Für einen Moment bin ich mir sicher, dass es Herr Tell gewesen sein muss, der uns mit seiner Armbrust jagt. Als ich mir jedoch ins Bewusstsein rufe, dass er  es eher auf Tyrannen abgesehen hat, schaue ich nochmal genauer hin. Vielmehr war es wieder einer dieser „sportlichen“ Fahrer, die mit aberwitziger Geschwindigkeit und ohne Rücksicht auf Verluste in jeder Rechtskurve ein Überholmanöver starten. Lange kann ich mich nicht darüber aufregen, denn zu meiner rechten windet sich ein malerischer Gebirgsbach den Hang hinunter, der meine Aufmerksamkeit vereinnahmt. Daneben, auf einem kleinen Wanderweg, kraxeln zahlreiche Freunde der gemäßigten Fortbewegung die Landschaft empor.Kurze Zeit später haben wir den „Schwanz der Ente“ erreicht und sind damit am östlichsten Punkt der Tagestour angelangt. Bei Glarus biegen wir gen Westen ab und erreichen bald das Ufer des Klöntalersees. Die türkis schimmernde, starre Oberfläche wirkt so surreal, dass man für einen kurzen Moment glaubt, die Erklärung gefunden zu haben, wie Jesus über das Wasser laufen konnte.

 

Nur ein nach Futter suchender Vogel, der die Oberfläche des Gewässers bricht, lässt Zweifel an dieser Theorie aufkommen. Kleine Straßen, mit großen Kurven zwischen idyllischer Natur führen uns raus aus dem Kanton Glarus und rein in dessen Nachbar Schwyz. Auffällig unauffällig verlaufen diese Grenzübergänge, die wir auf unserer Tagestour mehrfach vollziehen. Ist doch das Passieren einer Schweizer Grenze sonst oft mit einigen Unannehmlichkeiten verbunden. Vorbei an den extravaganten Ortsnamen Ecce Homo, Sattel und Morgarten wartet mit dem Ägerisee das nächste, der vielen Gewässer an unserer Wegstrecke. Apropos Jesus: „Ecce Homo“ war nach dem Johannesevangelium ein Ausruf des römischen Statthalters Pontius Pilatus, der den gefolterten Jesus von Nazareth vorführte. In etwa „Sehet, welch ein Mensch“, lautet die Übersetzung der Aussage, die die Unschuld des Gefolterten darstellen sollte. Ich sage: „Sehet, welch eine Motorradstrecke!“ In Richtung Zug nähern wir uns der nördlichen Spitze der Tour. Wir befinden uns auf dem „Kopf“ der entenförmigen Strecke. Dieser liegt fast inselförmig zwischen Zugersee, Ägerisee und dem weit gestreckten Vierwaldstättersee, auf dessen anderer Seite unser Hotel auf uns wartet. Ganz als wollte uns die Tagestour noch ein großes Finale bieten, kombinieren sich auf dem Schlussabschnitt die prägenden Elemente des Tages. Viele Kilometer in Greifweite zu den Wasseroberflächen paaren sich mit sanften Schwüngen und steilen Kurven.

 

Wer den Tag mit etwas Kultur ausklingen lassen möchte, sollte einen Blick in die Galerie Leewasser in Brunnen werfen. Hier hat sich über die Jahre eine ambitionierte Ausstellungsräumlichkeit für Kunst aller Art entfaltet. Geöffnet ist die Galerie von Mittwoch bis Sonntag, täglich bis 22.00 und sonntags bis 18.00. Für „Kul-“ bin ich zwar zu haben, aber für mich muss es nach diesem Tag nicht mit „-tur“, sondern mit „-inarisch“ weiter gehen. Ich habe Hunger. Glücklicherweise bietet die Speisekarte des Niedwaldnerhof  auch für mich, als fleischloser Zeitgenosse, ein reichhaltiges Angebot. Was mir noch zu sagen bleibt: „Ente gut, alles gut!“

Und bald geht es wieder mit MotoRoute durch die Schweizer Berge. Mehr Infos gibt es -->hier.