Test: KTM 690 Enduro R

ExtremSpaßTourer mit Cross-Genen.
Donnerstag, 21. Juli 2016. Unterwegs mit unserem Redaktionstransporter zum Headquarter von KTM in Deutschland.
Zurück mit einer nagelneuen KTM 690 Enduro R, laut KTM einer Hard-Enduro. Es regnet und wir nutzen das Wetter um gleich eine "worst-case Runde" mit der 690er zu absolvieren. Worst-case steht in diesem Fall für neues Motorrad, schmutzig-nasse Straße und eine Sozia auf einer Hard-Enduro. Also alles andere als perfekte Voraussetzungen für einen Einführungstest.
Dankenswerterweise hat man uns die Soziusrasten und die Haltegriffe bereits montiert und so starten wir bei nasser, schmutziger Straße eine Halbtagestour durch Fränkischen und Thüringischen Wald.
Vorab gab es nach Lektüre von werksinternen Beschreibungen und Testberichten im Netz zwei gravierende Befürchtungen:
a) ich komme mit meinen kurzen Beinen gar nicht bis zum Boden und b) die beste Sozia von Allen bringt weder Po noch Beine auf und neben der Sitzbank unter.

http://www.ktm.com/de/enduro/690-enduro-r-2016/

Ja, schon gut..., dieses Motorrad wurde nicht für den Soziusbetrieb gebaut und wir haben mit allerhand Einschränkungen gerechnet. Aber wenn der Hersteller sagt, dieses Motorrad ist soziustauglich, dann muss es das natürlich auch beweisen. Und das tut es, das tut es wirklich.
Somit ist klar, meine Beine reichen bis zum Boden und meine Claudia fühlt sich überraschend wohl. Meistens. Nur eben dann nicht, wenn der Vorwärtsdrang der 690er mal wieder den Vorderlauf in Richtung Himmel hebt. Und dies passiert mit dem Gewicht der Sozia am Heck des Motorrades gerne immer wieder, vor Allem, wenn man dem Motor freien Lauf lässt.
Wie der Name schon sagt, es ist eine Enduro, sogar eine Hard-Enduro. Dafür jedoch stellt sie sich auf kleinen Landstraßen einfach super an. Fahrwerk, einfach super. Sie schluckt jede Unebenheit und fährt genau da hin, wo der Blick des Fahrers hinführt. Bremsen, einfach super. Fein dosierbar packen sie doch fest zu und es entsteht kein Moment der Unsicherheit. Das ABS ist für´s Gelände abschaltbar, dies jedoch war heute nicht Thema des Tests.
Schalter, Armaturen und Anzeigen gereichen einem Tourer zur Ehre. Alles da, was man braucht, jedoch auch nichts Überflüssiges mehr.
Das Sitzmöbel sieht auf den ersten Blick wirklich aus, wie der Donnerbalken eines Sportgerätes. Doch auch nach einigen Stunden sind meine wichtigsten Körperteile noch heile und haben weder blaue Fleck noch Krämpfe. Überraschend auch, dass genügend Platz für die Sozia bleibt und diese, wie schon angemerkt, sehr gut sitzen kann.
Selbst die serienmäßige Bereifung war für diesen ersten Ausritt völlig in Ordnung. Metzeler hat hier einen wirklich universellen Gummi geliefert. Aber auch hier ist das Bessere der Feind des Guten, denn auf nasser Straße wünschten wir uns den K60 von Heidenau, der bei Wasser und schmierigen Passagen dem Motorrad definitiv besser zu Gesicht stünde. Sicher, darüber kann man sicher streiten, wir werden jedoch baldmöglichst einen K60 auf dem Motorrad testen.
Und nun abschließend zum Kernstück der KTM 690 R, dem Motor. Hier hat KTM in seiner Pressemeldung wirklich nicht zu viel versprochen. Klar, ich bin alt und schon viel ruhiger, doch heute hätte ich mir ein paar von den übergewichtigen und muskelbeprotzten R 1200 GS, Multistradas und Co gewünscht, denen man dank kurzen Radstand, super Fahrwerk und einem perfekt abgestimmten Motor mit enormer Schubkraft dann einfach um die Ohren hätte fahren können.
152 Kilogramm voll getankt und dazu (in dieser Version) 73 Pferdestärken, das ergibt eine Mischung, die sowohl auf der Straße ein echter Hammer sind und bestimmt auch im Gelände enorm viel Spaß machen. Einen Ausritt auf einem nassen Schotterweg haben wir uns natürlich auch nicht nehmen lassen und dank gutmütiger Sozia kann man Sozia und Motorrad auch in dieser Disziplin nur die Bestwerte bescheinigen.

KTM hat mit der 690 Enduro R einen echten Allrounder geschaffen, der on- und off the road eine einzigartige Fahrfreude vermittelt. Probiert es aus und legt schon mal Euer Scheckbuch bereit.
Anmerkung: Unterwegs waren wir mit dem Helm Touratech Aventuro Mod, der dank universeller Bauart als Klapphelm oder als Klapp-Endurohelm Einsatz findet. Diese Multifunktionalität passt hier wirklich zum ebenso vielseitigen Motorrad. Während uns das Visier am Helm, vor Allem der Verstellmechanismus, einen kleinen Grund zum meckern gibt, haben wir am Motorrad bisher noch keine Kritikpunkte finden können.


Hier KTM 690 Enduro R gemeinsam mit Beta Alp 4.0

Nächster Tag, Freitag und endlich wieder Sommer...! 29° in Mitteldeutschland machen Lust auf ein paar schräge Lagen.
Erstes Tourenfazit:
Motor:
Ohne Worte, dieser Motor macht einfach nur Freude. Nur langsam und gemütlich, das will er nun wirklich nicht. Dennoch, er schüttelt sich heftig unter 3Tsd. Touren, doch ein oder zwei Gangwechsel und alles ist wieder im grünen, ruhigen Bereich.
Getriebe:
Genial. Geräuschlos und schlüssig vollziehen sich die Gangwechsel - selbst unter richtig Druck nach Vorne.
Kupplung:
Leicht, spielerisch fast, arbeitet die Kupplung und trennt sauber und ist gut dossierbar.
Sitzposition:
Endurotypisch aufrecht. Dabei völlig unverspannt und auch on the road, sehr angenehm.
Der Kniewinkel ist für mich perfekt, Knie liegt gut am Tank an und der Wechsel von Sitzen zum Stehen funktioniert harmonisch. Je nach Körpergröße ausprobieren. Es gibt alternative Sitzbänke schon bei KTM.
Sitzbank:
Relativ hart, eben für eine Hard-Enduro gebaut und dennoch überraschend bequem, selbst auf längeren Etappen. Wie schon beschrieben, hat auch die beste Sozia von Allen, einen adäquaten Platz.
Hebelei und Spiegel:
Feines Werkzeug für Kupplung und Bremse. Die Spiegel arbeiten überraschend gut, nur links scheint sich ein Nagetier verfangen zu haben, der vibriert lauthals ab 4Tsd. Umdrehungen.
Windschutz:
Nun ja, das ist eine Enduro und da gehört Wind hin, somit nur wenig Wind- und Wetterschutz hinter der kleinen Cockpitverkleidung.
Straße/Kleinstraße geteert:
Es ist eine Enduro und keine Supermoto. Dies merkt man natürlich bei höherer Geschwindigkeit, dies jedoch weit über jedem erlaubten Limit. Das 21" wird dann etwas unruhig und das vordere Schutzblech tanzt im Fahrtwind. Alles Andere jedoch wäre für solch ein Motorrad unnormal.
Kleinststraße mit und ohne Teer:
In ihrem Element ist die KTM 690 Enduro R natürlich auf Schotter- und Feldwegen. Mit 152 kg vollgetankt und fahrbereit ist sie zwar weit entfernt vom Gewicht eines Crossers, doch davon merkt man nichts. Wenn das Vorderrad dort bleibt, wo es hingehört, also am Boden, dann läuft das Ding ungehemmt und perfekt geradeaus über Stock und Stein. Egal, ob sitzend oder stehend, es macht einfach tierisch viel Spaß.
Einzig wirklich großes Manko nach den ersten Tagen ist die Erkenntnis, dass wir sie leider schon in zwei Wochen zurück zu KTM bringen müssen.

Und nun, knapp 2000 Kilometer später...!
Dieses Motorrad ist ein Spaß-Allrounder, ohne jeden Zweifel. Die schon vorher beschriebenen Eindrücke stimmen weitestgehend und dieses Motorrad ist auf jeden Fall einen Kauf wert. Drei Kleinigkeiten sind negativ aufgefallen:
a) Die Tankanzeige zeigt was sie will...., bedeutet besser auf den Kilometerzähler zu achten, also kein großes Problem und sicher bringt KTM dies noch in Ordnung.
b) Der Seitenständer ist m.E. einen Tick zu lang. Schon bei geringem Gefälle des Parkplatzes droht das Motorrad zu kippen. Ich würde/werde den Seitenständer um ca. 0,5 cm kürzen.
c) Das Getriebe geht - wie schon vor beschrieben - butterweich..., mit einer Ausnahme, das ist der 6. Gang. Er mag manchmal einfach etwas mehr Fusskraft. Ich hoffe, das gibt sich mit der Zeit.

Und ganz am Schluss ein super dickes Lob für den Krafstoffverbrauch. Auf Teer und Kleinststraßen, teils mit Sozia und nur selten gemütlich hatten wir als Höchstverbrauch 4,3 Liter/100 km. Das ist so gar nicht schlecht!

Viel Spaß und immer gute Fahrt wünscht Euer Ludwig.