Wasser, Wind und wilde Landschaft - Die Wilde Rhön - 2013

Der bekannteste Ort in der Rhön ist sicher die Wasserkuppe. Reicht ihr Ruf durch enge Kurven, wegen des rauen Klimas und oft heftigen Windes auch durch Segelflieger, weit über die Region hinaus. Wir starten unsere Rhöntour vom MotoRoute Hotel Alte Molkerei aus. Hier im Grenzbereich zwischen Bayern, Thüringen und Hessen ist es nur ein Katzensprung bis zur Wasserkuppe. Weitaus wichtiger jedoch, die Strecke dort hin entführt uns durch nahezu unberührte und unbekannte Ecken unseres Zielgebietes.

Wir starten also in Bayern, in Bad Rodach, um schon nach rund 2,5 Kilometern die Grenze nach Thüringen zu überfahren. Hier stand bis 1989 ein Schlagbaum, der mit Stacheldraht und Minengürtel deutlich zeigte, daß man da keinesfalls hinüber dürfe. Dieser Umweg mit einem kleinen „nördlichen“ Schlenker lohnt auf jeden Fall, nähert man sich dadurch der Rhön auf Ministrassen, die fast ausnahmslos sehr gut ausgebaut sind. Da in diesem Landstrich extrem wenig Verkehr ist, bleiben die Teerdecken dann auch relativ gut erhalten und muten oft an, als wären sie extra für uns Motorradfahrer gebaut. Doch wir wollen in die Rhön. So lassen wir Kloster Vessra, Jüchsen und Queienfeld einfach an der Strecke liegen um über das Henneberger Land bald wieder auf die Bayerische Seite zu gelangen. Hier befinden wir uns auch schon im Landkreis Rhön-Grabfeld. Es lohnt sich ein kurzer Abstecher zum Freilandmuseum in Fladungen. Neben einem schönen Biergarten unter schattigen Bäumen gibt es echte Eisenbahnromantik zu erleben. Schon bald fahren wir immer entlang des Schwarzen Moores. Dieses Sagen- und Kultreiche Areal, mit einer Fläche von rund 60 ha und in der Mitte mit einer Torfdicke von über 6,5 Metern, liegt im Dreiländereck von Hessen, Thüringen und Bayern und zählt zu den bedeutendsten Hochmooren Mitteleuropas. Von Wind, Feuchtigkeit und meist rauem Wetter geprägt entstand so sicher auch die Sage vom versunkenen Dorf im schwarzen Moor:

„Vor undenklicher Zeiten versank im Schwarzen Moor eine schöne Stadt oder, wie andere wissen wollen, ein großes Dorf, weil die Einwohner von ihrem sündhaften Leben nicht ablassen wollten. An die Stelle der Stadt oder des Dorfes trat nun ein unergründlich tiefer, schwarzer See, der nach und nach bis auf die wenigen schwarzen Löcher von einer dichten Moordecke überzogen wurde. In der Tiefe des Moores jedoch ist das Leben noch nicht erstorben; denn wenn die Bewohner des versunkenen Ortes nach ihrer Kirche eilen und reuevoll dort um Erlösung beten, dann braust es im Moore gewaltig, und schwarzes schlammiges Wasser gärt aus den sogenannten ‚Teichen‘. Auch habe mancher, der sich am Rande des Moores niederlegte, zuweilen noch die Turmuhr schlagen und die Hähne aus der Tiefe krähen hören. Nur drei Jungfrauen aus dem versunkenen Ort war es gestattet, zuweilen aus dem Moore emporzukommen. Sie wurden in der Umgegend die Moorjungfern genannt und kamen regelmäßig zum Kirmestanz nach Wüstensachsen. Als sie aber dort einmal über die Zeit zurückgehalten wurden, verließen sie traurig den Tanzplatz. Am anderen Morgen war einer der Teiche blutrot gefärbt. Die Moorjungfern hat seitdem keiner mehr zu Wüstensachsen gesehen. In nächtlicher Stunde schweben nur noch die Seelen der drei Moorjungfern mit denen der anderen dort Versunkenen als Irrlichte über dem Moore.“ – Paul Schlitzer: Lebendiges Erbe – Sagen aus Rhön und Vogelsberg.

Völlig unbeeindruckt von so viel dunklen Gedanken fahren wir weiter westlich und nehmen jede Schräglage, jede Kurve als positiven Ausgleich zur Geschichte im Moor. Bald erreichen wir den Bereich der Milseburg. Nur wer gerne zu Fuss ist, sollte hier unbedingt einen Abstecher wagen. Gilt der Berg doch als einer der markantesten Punkte der Rhön und noch erhaltene Ringwallanlagen erinnern an die Zeit der keltischen Besiedelung. Auch hier oben, auf dem kalten, düsteren Berg entstanden Sagen und Gerüchte, die ich Euch nicht vorenthalten will, solltet ihr das Motorrad stehen lassen um Euch der „sagenhaften“ Stimmung der Rhön hinzugeben: Als die ersten Glaubensboten in das heidnische Buchenland kamen, lebte in der Rhön ein Riese namens Mils. Auf einem mächtigen Berg stand seine Felsenburg. Dieser Riese erschwerte den heiligen Gottesmännern ihre Bekehrungsarbeit, strebte den Neugetauften nach, quälte und bedrückte diese und ihre Lehrer. Da machte sich der heilige Gangolf mit einigen Rittern auf, um diesen Riesen in seiner Burg zu bezwingen. Es folgte der Sturm auf die Feste des Riesen Mils. Dieser sah, dass keine Rettung möglich war und gab sich in der Verzweifelung selbst den Tod. Da warf der Teufel, dem Mils sein Leben lang gedient hatte, jenes Riesengrab über den Leichnam des Selbstmörders auf, das heute als Milseburg weit über die Landschaft schaut. Das Kreuz aber siegte auch in diesem Teil des Buchenlandes und steht heute triumphierend auf dem Gipfel, den einst die heidnische Riesenfeste beherrschte.“ (aus: Sagen aus Rhön und Vogelsberg, Verlag Parzeller).

Wunderschön ausgebaute Nebenstrassen entführen uns dann aber in freundlichere Gefilde, in die Nähe vom Dorf Rabennest, wo wir unterhalb der Burgruine Ebersburg in einem Biergarten eine kalorienreiche Mittagsrast einlegen. Der Ausblick über die weiten Erhebungen der Rhön lässt uns die Wartezeit auf die heimische Spezialität vom „Rhönschaf“ leicht ertragen. Zusammen mit Klößen und Salat reichlich versorgt, jedoch ob des üppigen Mahles eher gemütlich gestimmt, erklimmen wir die Sättel unserer Motorräder und touren weiter rund um das Schwarze Moor. Über Schachen und Abtsroda geht es bergauf bis zur Wasserkuppe. Mächtig schräglagig schraubt sich die Strasse hoch zum Wahrzeichen der Rhön. Hier, rund 959 Meter über dem Meer, herrscht fast immer Wind und somit ist leicht zu erklären, dass hier oben Grundsteine für den Segelflug gelegt wurden und fast täglich, Drachen und Leichtflugzeuge zu beobachten sind. Der Blick ist imposant und wir erwischen die Wasserkuppe an einem fröhlichen Tag mit herrlichem Wetter, der uns eine Aussicht bis weit in die drei umliegenden Bundesländer erlaubt. In all dem Trubel gönnen wir uns einen Kaffee um dann aber bald wieder alleine die Nebenstraßen östlich der Wasserkuppe unter die Räder zu nehmen.

Bergab rollen wir über Ehrenberg nach Stetten, wo aus Kurven wieder wieder einige kleine Kehren entspringen. Für Liebhaber allerfeinster Schräglagen auch hier wieder ein absolutes „muss“.

Doch wir sind nicht nur wild auf allerfeinstes Kurvenallerlei, hier in der wilden Rhön, nein, wir sind heute auch wild auf noch mehr Kultur und lassen uns nicht nehmen, in Oberstreu nochmals von den Motorrädern zu steigen um uns die gut erhaltenen Reste einer Gadenkirchenburg an zu schauen. Fast körperlich kann man die Stimmung nachempfinden, die die Menschen erlebt haben mussten, als sie 1553 im Markgrafenkrieg Schutz in dieser Fluchtburg suchten und dann doch einfach überrannt wurden. Ein weiteres Mal wurden die Mauern während des 30-jährigen Krieges stark beschädigt und wurden seit damals nicht mehr vollständig aufgebaut. Dennoch, was hier zu riechen, zu fühlen, scheinbar real zu erleben ist, in der engen Gasse zwischen den Gadengebäuden, ist gruselig. Stellt man sich einen düster-kalten Herbstabend im Mittelalter vor und die wenigen Laternen verbreiten ein schauriges Licht, dann möchte man flüchten. Jawohl – direkt wieder auf´s Motorrad und ab ins Rhöner Grabfeld. In Bad Königshofen gönnen wir uns noch ein Stück leckeren Erdbeerkuchen und erfreuen uns am gut erhaltenen Markplatz bevor wir dann schon einige wenige Kilometer weiter wieder über die Grenze nach Thüringen fahren. Die Zeitgeschichte kommt hier wieder näher und wir wundern uns erneut, wie oft wir heute über die Sperranlagen der ehemaligen DDR gedonnert sind, leider oft genug, ohne noch etwas davon zu bemerken. So passiert es auch, dass wir dann kurz hinter Bad Colberg schon wieder nach Bayern kommen und das Bier in Tobias´ Biergarten bei unserem Stammhotel, der Alten Molkerei, förmlich schon riechen können.