Eine Tour durch Harz und Eichsfeld

Eine Tour durch Harz und Eichsfeld

11. Juli 2019 MotoRoute-Reisen News Uncategorized 0

Auf Schusters Rappen zur Teufelskanzel – Eine Tour durch das katholische Eichsfeld

Mein Grinsen zieht sich über das gesamte Gesicht, obwohl ich langsam mein Hinterteil immer mehr auf der Sitzbank spüre. Vor mir fährt Stephan, unüberhörbar zieht er seine Kurven und wir kommen dem letzten Haltepunkt immer näher. Für mich eine Möglichkeit, einerseits noch einmal meine Beine auszuschütteln, andererseits aber meinem Tourguide für die ausgearbeitete Erlebnistour zu danken.

Das Projekt einer Themen-Tour im Harz und Eichsfeld schwirrte uns schon länger im Kopf herum und nun war der erste Teil geschafft. Die Wettervorhersage war ideal. Fehlte nur noch eine spannende Tour.

Ein gutes Omen für das Motorradwochenende: Nach dem Check-in und beziehen meines Zimmers sitze ich im Hotel und der Küchenchef bereitet mir ein rustikales Harzer Menü zu. Dazu serviert mir die nette Bedienung ein Dorster Kesselbier. Ich möchte jetzt nicht alles vorweg nehmen, aber der pikante Harzer Sauerkohl mit der Schmorrwurst war trotz seiner einfachen Zutaten ein Gedicht. Bevor ich in meine Bettwäsche sinke genehmige ich mir noch einen Schierker Feuerstein um den Arbeitstag nebst Anreise ausgewogen zu beenden.

Morgens beim Frühstück herrscht reges Treiben. Auf der einen Seite sitzt eine Gruppe Moutainbiker, die das Frühstücksbuffet von allem Müsli und Obst befreien, auf der anderen Seite eine Gruppe älterer Herren, die ich spontan als einen Chopper-Club identifiziere. Später jedoch erfahre ich, das dies die Musiker der Band „Torfrock“ sind, die am Abend ein Konzert in Osterode geben.

Unter dem Titel „Auf des Schusters Rappen zur Teufelskanzel“ starten wir an einem herrlichen Herbsttag die Tour. Nach einem kurzen Briefing geht’s dann bei frischer Morgenluft aus der Garage heraus los. Erster Stop ist nahe des Stadtdorfes Düna. Vor uns liegt das Teufelsbad, ein mit Wasser gefüllter Erdfall des Gipskarstgebietes und unser Guide beginnt mit einer ersten Geschichte zur Teufelstour. Bildlich durch den aufsteigenden Dampf untermalt lausche ich gespannt der Sage und konnte mich förmlich in die Situation hineinversetzen, wie der Teufel seine Opfer in sein Bad zog. Einfach klasse.

Unsere Tour setzt sich in Richtung Osten fort.Wir tauchen langsam ins katholische Eichsfeld im Landkreis Göttingen ein. Vorbei an der Rhumequelle, einer der größten Karstquellen Mitteleuropas, die einst von der Nixe Rhuma für ihre Göttin Holda entdeckt worden ist, kutschieren wir völlig unerwartet nach dem Dorf Hilkerode durch einige Rechts-Links-Kombinationen, um darauf folgend nach Duderstadt hinabzufahren. Das Stadtbild ist von zahlreichen Fachwerkhäusern geprägt. Besondere Blicke zieht der Westerturm mit seinem schraubig verdrehten Helm auf sich. Beim Bau des Turmes bereitete den Zimmerleuten und Dachdeckern das Aufsetzen des Turmhelmes erhebliche Schwierigkeiten, da dessen Spitze immer schief auslief. Die Duderstädter nahmen ein Angebot der Teufels in Anspruch, der ihnen vorschlug, gegen Bezahlung den Helm zu richten. Am nächsten Morgen stand die Spitze gerade in den Himmel. Doch der Bürgermeister der Stadt wollte den Teufel nicht bezahlen, denn für den Teufel sei es ja nur ein Kinderspiel gewesen, den Helm zu richten. Fuchsteufelswild grölte der Teufel: „Wenn die Duderstädter meine Arbeit für ein Kinderspiel halten, so sollen sie, solange der Turm steht, ihr Kinderspiel immer vor Augen haben.“ Er sprang auf das Turmdach und dreht die Spitze mit seinen Pfoten so herum, wie sich der Westerturm heute noch präsentiert. Kurz hinter Duderstadt passieren wir die Landesgrenze nach Thüringen. Wer genau hinschaut, kann hier noch die letzten Reste der DDR-Grenzanlagen erkennen. 20 Jahre später haben die Zäune ausgesprochen viel Rost angesetzt und treten am gegenüberliegenden Hang rotbraun zu Tage.

Auf dem Weg durch das thüringische Eichsfeld fallen mir immer wieder Bildstöcke und Flurkreuze ins Auge. Hinzu kommen die gut erhaltenen kleinen Dorfkirchen, die allesamt den katholischen Glauben der Region widerspiegeln.

Der Herbst macht bereits die ersten Schritte und die Felder sind größtenteils abgeerntet. Was vor wenigen Wochen noch blumig erstrahlte ist nun braun wie eine Vollmilchschokolade. Zuerst stört mich dies etwas, doch schnell erkenne ich, dass kein 2 Meter hohes Maisfeld mir den Blick versperrt. Am Himmel ist keine Wolke zu sehen und wir haben bereits am späten Morgen „herbstliche“ 20°C. Im geschmeidigen Tempo fahren wir über die schmalen Straßen kleine Hügel bergauf und bergab.

Nachdem wir trotz recht hohem Verkehrsaufkommen das Heilbad Heiligenstadt schnell durchqueren, ist nicht Kultur sondern weiterhin das Thema Motorradfahren angesagt. Sofort fällt mir die doppelte Beplankung und der tadellose Asphalt ins Auge. Ich befinde mich auf der Strecke des Iberger Bergrennens, welches jedes Jahr vom ADAC veranstaltet wird. Auf der 2 Kilometer langen Bergstrecke durch den Wald erwartet den Fahrer 4 Serpentinen mit schnellen Rechts-Links-Kombinationen. Für viele sicherlich eine kurze Adrenalin-Orgie, aber ich lasse es etwas langsamer angehen, schwinge gleichmäßig durch die Kurven und kann oben angekommen auf einer langen Geraden wieder aufschließen.

Mit Mackenrode durchfahren wir eins der vielen kleinen eichsfeldischen Dörfer, die allesamt auffallend gut in Schuss sind und mit ihren Dorfkirchen und Fachwerkhäusern immer ein besonderes Schmankerl bieten. Kurz hinter Mackenrode in Richtung Vatterode, fällt einem die Kronenmühle ins Auge. An der Bek, dem ehemaligen Grenzbach zwischen Thüringen und Hessen, liegt der Mühlenbetrieb.
Die Straßen werden nun immer schmaler und die Federbeine der Motorräder haben immer mehr mit unserem Gewicht zu kämpfen. Der Asphalt ist dennoch leicht befahrbar und je langsamer wir fahren, umso mehr kann ich die Landschaft um mich herum genießen. An dieser Stelle muss ich auch noch erwähnen, dass ich selten so stressfrei gefahren bin. Ich kann mich nicht daran erinnern, einen LKW auf den Straßen im Eichsfeld getroffen, geschweige denn einen PKW überholt zu haben.

Angekommen in Rothenbach kommt eine überraschende Anweisung: „Parken, Helm in den Schminkkoffer (er meinte mein Topcase) und abschließen. Jetzt geht’s zu Fuß weiter.“ Vom wandern war doch nie die Rede. Ich hätte schon beim Tourtitel merken müssen. dass so etwas kommt. Egal, schließlich stellt diese Rast den Höhepunkt der Tour da. Also machten wir uns auf den Weg. Gleich zu Beginn sah ich dann das Schild: „Teufelskanzel 1,3 km“. Na ja, das ist machbar. Wir stiefeln also auf einem Schotterweg den Berg hinauf. Nach 300m spüre ich die ersten Schweißtropfen, die mir den Rücken hinuunter laufen. Wir zügeln unser Tempo und konzentrieren uns mehr auf unsere Umgebung. Ein herrlicher Laubwald mit einem wunderschönen Spiel aus Licht und Schatten. Oben angekommen erwartet uns die Belohnung: Die Teufelskanzel. Über Natursteine und einem Kindergeländer erklimmen wir den Sandsteinfelsen und staunten nicht schlecht über das sagenhafte Panorama. Vor unseren Füßen windet sich die Werra wie ein Hufeisen durch das Tal und im Hintergrund stößt unser Blick bereits auf den Hohen Meißner. Im Südwesten erhebt sich die Burg Ludwigstein mit dem dahinter liegenden Witzenhausen.
Die Sage der Teufelskanzel:
Als einmal in der Walpurgisnacht die Hexen auf dem Brocken ihre alljährliche Zusammenkunft hielten, bei der auch immer der Teufel anwesend war, wurde dieser von der Versammlung gefragt, ob er wohl imstande sei, den gewaltigen Felsenkoloß, auf dem er soeben gestanden hatte, auf den Hohen Meißner in Hessen zu tragen. Allerdings dürfe er den Felsen keinmal absetzen und auch keine Rast einlegen.
Als Satan dieses mit höhnischem Gelächter bejahte, gingen einige junge Herren, die mit den Hexen gekommen waren, mit ihm die Wette ein, dass er sein Vorhaben nicht schaffen würde.
Sobald die Tanzerei beendet war, fuhr der Satan wie ein Sturmwind mit dem Felsen von dannen. Eine Weile ging die wilde Fahrt auch gut, aber dann fühlte der Teufel doch, daß er seine Kräfte überschätzt hatte. Der Stein wurde von Sekunde zu Sekunde schwerer, und als der Böse am Höheberg angekommen war, fühlte er sich so matt, daß er beschloß, ein Stündchen zu ruhen. Die Hexen, so dachte er, könnten ihn hier in den dichten Wäldern nicht sehen. Daher überlegte er nicht lange, setzte seinen Stein nieder und streckte sich aus.
Doch die Hexen waren misstrauisch. Sie wollten sehen, wie er mit seiner Felsenkanzel auf dem Meißner ankäme. Daher schickten sie ihm einige Beobachterrinnen nach. Wenn er selbst unter den dichten Bäumen des Waldes auch nicht zu sehen war, so war doch der Felsen schon von weitem zu erkennen. Wo der Felsen ist, dachten die Hexen, kann sein Träger nicht weit sein! Und nach kurzer Zeit hatten sie den Schlafenden gefunden.
„Hans, du Faulpelz, was machst du da?“ riefen sie ihm zu und lachten ihn aus.
Erschrocken fuhr der Teufel aus dem Schlaf auf, und beschämt, sich so ertappt zu sehen, fuhr er in die Lüfte und zerriß die neugierigen Hexen. Danach sprang er, ohne sich noch um den abgelegten Steinblock zu kümmern, in das Tal hinunter, wo sich sein Pferdefuß so tief in das Erdreich drückte, dass die Werra noch heute in Form eines riesigen Hufeisens durch das Tal fließt.
Als das Volk die Geschichte erfuhr, nannte es den vor dem Berge stehenden Felsen die Teufelskanzel.

Mein Fazit nach dem Besuch bei der Teufelskanzel: Es lohnt sich, mal vom Motorrad zu steigen und den Weg auf des Schusters Rappen zu bezwingen !

Unsere Tour setzen wir in Richtung Westen fort. Die Burgruine Hanstein in unmittelbarer Nähe der Teufelskanzel steht als nächstes auf dem Programm. Als wir auf dem Kopfsteinpflaster von Bornhagen hoch nach Rimbach zur Ruine fahren, komme ich mir vor wie ein Ritter auf seinem Ross, der nach einer erfolgreichen Schlacht heimkehrt. Die Anordnung der Gebäude erinnert mich etwas an einen Kinofilm, denn die ursprüngliche Grenzfeste aus der Spätgotik mit den umliegenden Gebäuden vermittelt mir das Bilder einer mittelalterlichen Ritterburg.

Völlig unspektakulär passieren wir die Landesgrenze Thüringen-Hessen. Es ist überhaupt nicht auszumachen, wo hier früher die Grenzanlagen standen. In Witzenhausen, dass schon bei der Durchfahrt einen netten Eindruck macht, überqueren wir die Werra und setzen unsere Reise in Richtung Kleinalmerode fort. Schnurstracks tauchen wir in eine grüne Hölle ein. Nein, wir sind jetzt nicht schon wieder an einer Rennstrecke, doch vor uns liegt eine 10 km lange Piste durch den Kaufunger Wald, gespickt mit etlichen Kurven. Wie erwartet, zieht mein Guide wieder von dannen und ich tingele langsam durch das unbeschwerte Kurvenvergnügen. Finde Gefallen an der frischen Waldluft und dem Schatten bei den mittlerweile „herbstlichen“ 25°C. Kurz vor Nieste ist Kassel bereits in Sichtweite, doch wir ändern noch einmal unseren Kurs und laufen über die B496 in Hann. Münden ein. Nur kurz schauen wir beim Touristen bevölkerten Weserstein vorbei. Ich werde hier her noch einmal zurückkehren um den Kuss der Werra und Fulda romantisch zu erleben.

Die Weser lassen wir dieses Mal links liegen und fahren in Richtung Norden. Bei Jühnde ist ein spontaner Halt angesagt. Göttingen zeigt sich langsam im vor uns liegenden Leinetal und dahinter erheben sich bereits die Ausläufer des Harzes. Die Universitätsstadt umfahren wir mit einer südlichen Route, um an unser letztes Tagesziel zu gelangen: Der Seeburger See. Da der See ringsum recht bewachsen ist, nutzen wir den etwas höher liegenden Parkplatz auf der B446 aus Richtung Seulingen kommend für einen Blick auf das Wasser. Der relativ kleine See, auch das Auge des Eichsfeldes genannt, erstreckt sich komplett vor uns, dahinter das Dorf Bernshausen, auch hier mit dem Harz im Hintergrund. Nach ein paar Panoramafotos treibt uns der Kaffeedurst direkt ans Seeufer und wir geniessen einen leckeren Pflaumenkuchen mitsamt Cappuccino.

Fahrt immer sicher und kommt gut wieder nach Hause,
Euer Ludwig.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.