Vier auf sechs im Erzgebirge

Vier auf sechs im Erzgebirge

2. August 2018 MotoRoute-Reisen 0

Verrückte Ideen sollten auch realisiert werden. Und bei uns war diese Entscheidung komplett richtig und jederzeit wert, wiederholt zu werden.

Voran gegangen ist, dass unsere Freunde kürzlich ein gebrauchtes Russengespann gekauft hatten und sogleich den Vorschlag machten, doch einmal ein paar Tage gemeinsam auf Tour zu gehen. Klar, deren Gespann namens Peggy lief zur Zeit der Planung nur halbwegs bis gar nicht und wäre Toni nicht so ein begnadeter Mechaniker, ich hätte mir die Mühe der Streckenplanung einfach gespart.

Tag 1: Pause in himmlischer Ruh` – direkt an der Grenze nach Tschechien.

Montag, Tag 1:
Dann im Juli 2018 war es endlich so weit. Temperaturen jenseits der 30° Marke und unsere 4-Köpfige Expedition startete bereits mit Schweißperlen auf allen erdenklichen Körperteilen, welche von sicherheitsrelevanter Bekleidung bedeckt wurden. Toni, seine Gattin im Boot samt ihrer „Peggy“ verfügten zu dieser Zeit gerade einmal über 170 Kilometer gemeinsamer Lebenserfahrung. Entsprechend langsam und vorsichtig durchfuhren wir die Langen Berge in Richtung Osten durch den Frankenwald und den Rand des Fichtelgebirges.

Diese einsame und verkehrsarme Gegend bildete genau die richtige Route für einen Einsteiger im Leben eines motorgetriebenen Dreirades. Mit jedem Meter wurde Toni sicherer und schon bald zeigte sich ein erstes Lächeln unter seinem weißen Helm.
Und wenn man dann ständig im Spiegel das Dreirad mit dem mächtigen Körper samt weißem Helm sieht, fällt einem unweigerlich die Krimiserie ein, deren Hauptrolle ein kräftiger Polizist, sein Hund und sein Gespann, spielen. So dann auch der neue Beiname unseres Reisebegleiters und Fotomodels: Halbwachmeister Krause!
Somit bester Laune führte uns unser erster Tag bis knapp über die Grenze nach Tschechien. Eine Übernachtungsempfehlung mit reihenweise bester Bewertungen führte uns in einen romantisch gelegenen Bauern- und Pferdehof kurz vor Franzensbad, in eine ehemalige Mühle. Gelernt haben wir hier, dass Bewertungen nicht wirklich ernst zu nehmen sind.

Marktplatz in Cheb

Dienstag, Tag 2:
Praktisch ohne Schlaf machten wir uns dann auf zum fliegenreichen Frühstück und dann flugs weiter in Richtung Osten. Immer entlang der Deutsch-Tschechischen Grenze, welche Dank EU nur noch an verlassenen Grenzhäuschen zu erkennen ist, cruisen wir gemütlich auf unseren sechs Rädern weiter hinein ins Erzgebirge. Einfach erwähnenswert ist hier unsere Mittagspause – in Nejdek (Neudeck) ist direkt am Markt das Hotel Anna. Dort gab es das ersehnte original Tschechische Kraftfutter, wonach wir uns seit Abfahrt gesehnt hatten. Echt lecker und schmackhaft und dazu wahrlich auch noch günstig. Einziger Wehrmutstropfen dabei, kein Tschechisches Bier, schließlich müssen wir noch fahren…!
Von Nejdek aus geht es weiter nordöstlich über Hochebenen und Wälder bis Nahe Bärenstein. Dort suchen wir uns ein bekanntes Motorradhotel, essen einen Bissen und gehen bald ins Bretterbett.
Am Morgen jammert Halbwachmeister Krause über Kopfweh. Sein Helm drück an der Stirn und nach ein paar Tagen meldet sich nun der Kopf entsprechend. Eine gehörige Portion Ibuprofen hilft aber schnell und bald geht es weiter durch wunderbare Natur auf kleinen Straßen nordöstlich, dem „Duft der großen, weiten Reifenwelt“ entgegen.

Mittwoch, Tag 3:
Tag drei beginnt wieder mit allerbestem Sommerwetter und die Sicherheitsbekleidung wird noch einen Tacken dünner. Es scheint, das Wetter will uns in die Badehose zwingen, während wir mit Urals das Erzgebirge erklimmen. Unterwegs zu unserem Lieblingsreifenwerk müssen wir natürlich eine ausgedehnte Pause in Seiffen machen. In der Stadt der Weihnachtsdekoration schlechthin finden wir ein Kaffee direkt über einem der Verkaufsläden erzgebirgischer Handwerkskunst. Lecker auch dort eine kleine Brotzeit und der „Kuchen danach“. Aber dann, unsere Damen – nein, Peggy und Ljudmila wollen nicht mit – betreten wir eines der edlen Geschäfte und halten Ausschau nach Mitbringseln für Zuhause. Zum Glück sind wir mit den Gespannen da und haben keinen Platz für „Schwippbogen & Krimskrams“. Preise von mehreren tausend Euro machen uns die Entscheidung leicht, gleich wieder aufzusteigen und weiter zu fahren. Schließlich wollen wir noch bis nach Heidenau um am nächsten Morgen den „Gummi der weiten Welt“ zu schnuppern.
In Königsberg nehmen wir uns dennoch die Zeit und stellen die Gespanne ab. Mit der Bimmelbahn lassen wir uns hoch auf die Burg bringen und scheuen die € 10,– für den Eintritt nicht. Eine echt gigantische Anlage mit mehreren Stationen für durstige Motorradfahrer lohnen den Eintrittspreis. Man sollte sich diese Anlage auf jeden Fall einmal anschauen – vielleicht jedoch nicht bei 33° im Schatten.
Von der Besichtigung reichlich durchweicht, die Temperaturen in Verbindung mit körperlicher Beschäftigung machen uns fertig, schwingen wir uns wieder auf die super bequemen Sättel der Urals und fahren weiter in Richtung Dresden. Im Hotel Reichskrone, nur 3 Kilometer vom Reifenwerk Heidenau entfernt, (www.reifenwerk-heidenau.de) finden wir unser Quartier für die Nacht. Völlig dehydriert frage ich nach einem „Radeberger“ und bekomme auf reinstem Sächsisch die negative Antwort, dass es hier nur Wernesgrüner gäbe. Wir sind ja nicht in Dresden, sondern einen ganzen Kilometer entfernt, im ehemaligen Stadtteil von Dresen, nämlich in Heidenau. Das Essen war gut und ausreichend, womit wir gestärkt von Bier und Mahlzeit noch eine kleine Wanderung durchs Gewerbegebiet Heidenaus machen. Anm. d. Red.: Das lohnt sich nicht!

Donnerstag, Tag 4:
Pünktlich um 10.00 Uhr stehen wir vor den Toren der „Heiligen Hallen“ vom Reifenwerk Heidenau.
www.reifenwerk-heidenau.de; Erwartet werden wir von Thomas Schönherr, zuständig für den Vertrieb des Sächsischen Gummis, vor Allem im Ausland. Thomas nimmt sich Zeit und wir bekommen Ein- und Durchblicke in die Firmengeschichte bis in die Produktion aktueller Reifen.
Gestärkt von soviel schwarzer Kultur begeben wir uns alsbald wieder über die unsichtbare Grenze nach Tschechien. Auf dem Weg dort hin begegnet uns unerwartet eine wahre kulinarische Wolllust:
das Kaffee Mauersberger. Die Seniorchefin ist die Wucht und was sie auf die Teller bringen, das ist echt erste Sahne…! (siehe Beschreibung weiter unten).
So durch Hitze und mehrere Stück Kuchen samt Eis zum Dessert gestärkt, kämpfen wir uns zurück auf die Dreiräder russischer Bauart und rollen weiter nach Chomutov. Bereits unterwegs haben unsere beiden Mädels via Internet nach Übernachtungsmöglichkeiten gesucht. Mit dem Hotel zwei Bären werden wir dort auch sofort handelseinig und beziehen geräumige, saubere und gut ausgestattete Zimmer. Das Abendessen eine echt landestypische Offenbarung und von Vorspeise bis Dessert jeder einzelne Bissen eine Wiederholung wert.
Müde, völlig voll und von einigen Bieren bettbeschwert, schlafen wir hier ausgesprochen ruhig und erholsam in den nächsten Tag hinein. Frühstück im Freien vom Buffet und dann wieder auf die Kräder, husch, husch.

Marktplatz Cheb, die Zweite: Nur für diesen Palatschinken sind wir noch einmal hin gefahren.

Freitag, Tag 5:
Ein morgendlicher Spaziergang durch den Stadtpark lässt uns staunen. Alles perfekt sauber und gepflegt. Kein Dreck in den Gassen, überall Mülleimer und anscheinend wirft hier keiner seinen Ramsch einfach auf die Straße. Wir genießen diesen Rundgang, bevor wir erneut die Kräder beladen und zur vorletzten Etappe aufbrechen.
Kaum wieder über die Deutsche Grenze wird der Himmel dunkel. Die Zeit reicht nicht, um schnell mal in die Regensachen zu steigen. Eimerweise kommt Wasser vom Himmel und die tagelange Hitze verwandelt sich blitzschnell in ein frisch-fröhliches Wasserspiel. Was dann folgt ist ein stundenlanges dem-Regen-davonfahren. Erst wieder in Cheb (Eger) können wir die Regenhose ausziehen und im Trockenen nochmals den allerbesten Palatschinken genießen. Und selbst hier wollen uns ein paar Regentropfen den süßen Genuss madig machen. Das schafft er nicht und zum Trotz bestellt sich Halbwachmeister Krause eine zweite Portion Palatschinken. Es ist nun früher Nachmittag und wir starten in Richtung Heimat. Die ursprünglich geplante Route durch Vogtland und Frankenwald ist ja dem Regen zum Opfer gefallen und so fahren wir weiter südlich mitten in die Fränkische Schweiz. Schon fast wieder in der Heimat übernachten wir dennoch ein weiteres Mal, denn unser Plan gibt uns eben jenen Freiraum. Zimmer und leckeres Abendessen finden wir in Langeloh. Dort im Gasthaus Thiem kann man mit gutem Gewissen einkehren und wird nicht enttäuscht.

Eine Rast, ganz nach unserem Geschmack. Edelstes vom Fränkischen Hofladen, serviert auf Hard Metal of Russia.

Samstag, Tag 6:
Von der Sonne verwöhnt fahren wir am nächsten Morgen noch einige altbekannte Strecken und Highlights in der Fränkischen Schweiz an. Die Gügelkirche samt Biergarten hat geschlossen und bei Kathi´s stehen uns zu viele „Gebückte“. Also lieber noch mal runterschalten und durchstarten… wir machen uns auf den Weg zu Sabine nach Bad Colberg, derer Kuchen locker mit den Schlemmereien im Kaffee Mauersberger mithalten kann.

Sechs tolle und erlebnisreiche Tage, sicher sechs Kilo mehr auf den Rippen, jedoch gesund und glücklich landen wir kurz danach in der Heimat. Wollt ihr mehr dazu wissen, meldet Euch einfach oder wir fahren einfach gemeinsam diese Tour.
Euer Ludwig van Bergh
mit Claudia im Boot.
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Anmerkungen:
Unser Dank geht an die Firma Schuberth, für die beiden Helme „O1“. Passt wie angegossen, sehen voll cool aus und sind überraschend leise. Ebenfalls bedanken wir uns bei unseren Freunden vom „Reifenwerk Heidenau“ für die absolut geniale Bereifung, noch mehr jedoch für die exklusive Werksführung.
Ebenfalls herzlichen Dank an das Haus „Ortema“. Von hier kamen Rückenprotektoren und weitere sinnvolle Schutzausrüstung für Fahrerin und Fahrer.
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Essen und Trinken am Wegesrand sowie – mehr oder weniger – nennenswerte Übernachtungsmöglichkeiten:

Unbedingt erlebens- und besuchenswert ist der Marktplatz von Cheb (Eger). Dort im Kaffee, direkt vor den Stöckelhäusern*, gibt es den wahrscheinlich besten Palatschinken nördlich von Österreich.
Auf unserer Rückfahrt haben wir nur deshalb nochmals den Bogen über Tschechien gemacht.

Zur oben genannten Internetempfehlung der Mühle nahe Franzensbad: Auf jedem Tisch lagen Mückenpatschen samt daran hängender Fliegenleichen mehrerer Generationen. Beim Essen erlebten wir unseren Halbwachmeister nur noch mit der Patsche in der Hand. Im Flur zum Zimmer lagen dann ebenfalls einige dieser Fliegenklatschen, in ähnlich abgenutztem und vielbewohntem Zustand. Man nehme sich bestenfalls eine Klatsche mit ins Zimmer um dort vielleicht doch eine kurze Zeit ungestört schlafen zu können. Ja, doch, vielleicht – wenn man das Fenster schließt um weiterem Zuzug vorzubeugen. Aber Fenster schließen bei 30°. Hier erübrigt sich jedes weitere Wort, macht einfach einen Bogen um dieses Haus, denn auch das Essen war eher mau und Preise für Essen und Trinken einfach frech.

Aber ein besonderes Kaffee sollte man unbedingt einmal angefahren haben. Die backen selbst und machen ihr Eis selbst. Die Seniorchefin ist eine super nette Dame, die zu jedem Stück Kuchen die passende Geschichte kennt und scheinbar auch jede Kugel Eis selbst kreiert zu haben scheint. Was soll ich sagen…, fahrt da mal hin: Kaffee Mauersberger, Rathausstrasse 1, 09509 Pockau-Lengefeld;
Besonders gut haben wir übernachtet in Chomutov. Eine echt schöne Innenstadt, super gepflegt und gastronomisch voller Vielfalt. Dort am Besten ins Hotel zu den zwei Bären,: Bestes Hotel der Tour – Essen, Getränke, Zimmer, Service – alles klasse!;
Enttäuscht hat uns ein sog. Bikerhotel bei Bärenstein im Erzgebirge.
Das Essen war ok, der Service ebenso. Dafür – und wir sind einiges gewohnt – wurde für Essen und Trinken so heftig zugelangt, wie es bei dieser als auch anderen Reisen noch nicht passiert ist. Die Zimmer recht liebevoll aus Massivholzbrettern eingerichtet, jedoch sehr dunkel und überaus klein.
Im Hotel Reichskrone in Heidenau sollte man unbedingt nach einem „ruhigen“ Zimmer fragen.
Das was da nachts direkt durchs Hotelzimmer fährt, ist einer Autobahn würdig. Sicher war dies auch dem weit geöffneten Fenster geschuldet, was bei diesem Extremsommer gar nicht anders möglich war.

*Stöcklhäuser in Cheb/Eger:
Diese interessanten Häuser, zum Teil mit Fachwerk, begannen im 13. Jahrhundert als Reaktion auf die Bedürfnisse der Egerer Händler an der Stelle ihrer Krämmerbuden und Fleischerläden zu entstehen. Ihre heutige Gestalt bekam die gesamte Häusergruppe erst nach ihrer Fertigstellung im fünfzehnten Jahrhundert. Von den ursprünglichen 3 Reihen von Häusern blieben bis heute lediglich 2 erhalten. Die dritte wurde offensichtlich im 19. Jahrhundert abgetragen. Die letzte große Renovierung des Komplexes erfolgte im Jahre 1965.
Besichtigung des Stöckls:
Das Stöckl bilden in der Tat 2 Reihen von drei- bis vierstöckigen Häusern, getrennt durch eine schmale, lediglich 160 cm breite Gasse – die Krammergasse. Wer nicht unter Klaustrophobie leidet „kann das Stöckl durchlaufen“. Die Gasse ist frei zugänglich. Auch heute beherbergen die einzelnen Häuser diverse Geschäfte und Lädchen, Cafés oder Restaurants.

 

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