Zwischen den Meeren – Tour zur Schlei

Zwischen den Meeren – Tour zur Schlei

8. August 2018 MotoRoute-Reisen 0

Touren im Norden

Zwei Angler sitzen an der Schlei und blicken seit Stunden völlig regungslos auf das in der Morgensonne glitzernde Wasser. Nach ungefähr sechs Stunden schiebt einer der Beiden seinen linken Fuß zehn Zentimeter zur Seite. Meckert der Andere: „ Sag´ mal Hein, sind wir zum Angeln hier oder zum Tanzen? “
Und da ist es schon: Das erste Vorurteil gegenüber Norddeutschland bzw. unseren norddeutschen Mitmenschen. Man sagt, sie seien stur, etwas eigenbrötlerisch und recht schweigsam. Das Gegenteil beweisen uns Verena und Karl-Heinz, unsere Gastgeber in Neumünster, als wir uns Ende Mai zu einem verlängerten Tour-Wochenende hier treffen. Wir werden herzlich empfangen und sitzen schon bald in der gemütlichen Bar des Hauses bei der Planung der nächsten Tage. Das Wetter verspricht schön zu werden, womit schon das nächste Vorurteil widerlegt wird: Nein, in Norddeutschland regnet es nicht immer. Statistisch gesehen hat beispielsweise Hamburg weniger Regentage pro Jahr als München.

Und so starten wir am nächsten Morgen nach einem ausgiebigen Frühstück im Licht durchfluteten Wintergarten des Hotels Wittorf unter der Führung des Hausherrn zu einer kleinen Fjordtour. Zugegeben, die Schlei ist nicht das, was man gedanklich mit dem Begriff „Fjord“ verbindet. Vor allem dann nicht, wenn man die Fjorde Norwegens oder vielleicht sogar Neuseelands schon einmal erleben durfte. Aber die Schlei ist ein Fjord (auf Deutsch „Förde“), so behauptet zumindest ein Teil der Geologen. Ein anderer Teil der Wissenschaftler bestreitet dieses und geht davon aus, dass die Schlei lediglich einen Schmelzwasserabfluss der Eiszeit darstellt. Wie dem auch sei, schön ist es hier und allemal einen Ausflug mit dem Motorrad wert.
Apropos Motorrad: Tom hat die neue Yamaha XTZ 1200 Super Tenere als Testmotorrad mitgebracht. Diese darf ich für die nächsten Tage auf Herz und Nieren prüfen. An dieser Stelle sei nur so viel gesagt: Der Umstieg von meiner schon betagten R 1150 GS auf die neueste japanische Großserientechnik verlief völlig problemlos. Genau wie die GS ist auch die Super Tenere ein Motorrad vom Schlage „draufsetzen, wohlfühlen und fahren bis der Tank leer ist“.

Wir fahren zunächst in Richtung der Stadt Rendsburg, wo Karl-Heinz uns ein technisches Kulturdenkmal der besonderen Art zeigt: An der den Nord-Ostsee-Kanal überspannenden Eisenbahnhochbrücke ist eine Schwebefähre befestigt. Eine 14 Meter lange und 6 Meter breite Fähre ist mit Stahltrossen an einem Antriebswagen befestigt, der sich oben unter der Brücke befindet. Dieser Antriebswagen befördert die Fährplattform, die sechs Autos und ca. 60 Personen fasst, in 90 Sekunden über den Kanal. Dabei hat der querlaufende Schiffsverkehr selbstverständlich Vorrang. 2013 wird diese Konstruktion einhundert Jahre alt, seit 1988 steht sie unter Denkmalschutz. Auch wir lassen uns von der kostenlosen Fähre übersetzen. Kostenlos sind übrigens alle Fähren über den Kanal und das haben wir den Landwirten zu verdanken. Nach der Fertigstellung des Kanals sollten die Überfahrten zunächst gebührenpflichtig sein. Dagegen wehrten sich jedoch die ortsansässigen Bauern, die durch den Kanalbau teilweise von ihren Feldern getrennt wurden und somit täglich mehrfach auf die Querung mit den Fähren angewiesen waren. Schließlich entschied die Regierung, dass alle Kanalfähren für jedermann kostenlos zu benutzen seien.

Jetzt zieht es uns aber ans Wasser und so legen wir auf den nächsten Kilometern eine etwas sportlichere Gangart ein, genießen die Landschaft, die mit vielen bunten Farbklecksen an uns vorbeifliegt. Leuchtend gelbe Rapsfelder wechseln sich ab mit Blumenwiesen und blauen Kornblumen. Zusammen mit der klaren Luft, die hier schon ein bisschen nach Ostsee zu riechen scheint, ein wahres Fest für die Sinne. An der vollendeten Zufriedenheit hindert mich momentan nur das Knurren meines Magens. Eigentlich völlig unverständlich, dass nach dem üppigen Frühstücksbuffet schon wieder ein leichtes Hungergefühl aufkommt. Aber Karl-Heinz scheint es ebenso zu ergehen, denn kaum sind wir in Eckernförde angekommen, steuert er sofort den kleinen Hafen an. Und hier gibt es Fischbrötchen, das Salz in der Suppe einer jeden Norddeutschland-Tour. Wir essen direkt auf dem Kutter bei strahlendem Sonnenschein und Blick auf das Wasser – einfach herrlich.

Nach der Pause geht es jetzt endlich „immer am Fjord entlang“. Dabei lassen wir uns einfach treiben und vertrauen Karl-Heinz und seiner ausgeprägten Ortskenntnis.. Die schönsten Orte entdecken wir, als wir versuchen auf kleinen Straßen und Wegen immer möglichst nah am Wasser zu bleiben. Die hügelige Landschaft vermittelt immer wieder neue Ausblicke und so manches versteckt gelegene, Reet gedeckte Anwesen würde uns als Altersruhesitz gut zu Gesicht stehen.
Nur gut 40 Kilometer erstreckt sich die Schlei von Schleswig bis nach Schleimünde, wo sie die Ostsee erreicht. Sie trennt dabei die schleswig-holsteinischen Landesteile Angeln und Schwansen. Durch die direkte Öffnung zur Ostsee ist das Wasser dieses Meeresarms brackig, d.h., das Wasser ist salzhaltig. Der Salzgehalt nimmt dabei immer weiter zu, je dichter man dem offenen Meer kommt.
Wir spüren diese Nähe deutlich, als wir durch die Hügel fahren und sich der Duft frisch gemähten Grases immer mehr mit der kräftigen, salzigen Ostseeluft vermischt..
Für die nächste Pause steuern wir den beliebten Motorradtreff in Kappeln an der Schleibrücke an. An Wochenenden ist der Parkplatz mit allen Arten von Zweirädern gut gefüllt. Entsprechend lang ist dann die Warteschlange, denn alle wollen jetzt ihr Fischbrötchen oder die Currywurst und die Tass´ Kaff`´. Aber es gibt ja genug zu sehen und auch der eine oder andere nette Klönschnack verkürzt die Wartezeit auf angenehme Art und Weise.

Uns zieht es jedoch schnell weiter, denn der Tag ist einfach zu schön für ausgedehnte Pausen. Arnis, die mit nur 350 Einwohnern kleinste Stadt Deutschlands liegt auf unserem Weg. Doch heute sind bestimmt mehr Wassersportler als Einheimische hier. Segler, Ruderer und Surfer tummeln sich bei herrlichem Sonnenschein auf dem Wasser. Die Straßen werden immer schmaler und kurviger. Exotische Ortsnamen wie Pageroe, Gunneby oder Kius prägen sich mir in das Gedächtnis. Damit verbinden sich Bilder schöner Windmühlen, gemütlicher Dörfer und alter Häuser mit gepflegten, blühenden Gärten.

Zum wiederholten Mal nutzen wir an diesem Tag eine Fähre, als wir bei Missunde die Schlei queren und uns langsam wieder in Richtung Neumünster bewegen. Diese Fährüberfahrten stellen jeweils eine gemütliche Unterbrechung der Tour dar. Einfach mal absteigen, ein paar Worte mit den Mitreisenden wechseln und die Natur auf sich wirken lassen – Erholung pur in Schleswig-Holstein.
Die schon recht tief stehende Sonne taucht die Landschaft in ein warmes Licht. Ideal zum Fotografieren und so dauert die Rückfahrt durch viele Fotostopps doch länger als geplant, zumal uns Karl-Heinz zwei echte Insidertipps gibt: Den Naturpark Hüttener Berge und den Naturpark Westensee. Beide Gebiete sind geprägt durch die Endmoränenlandschaft der Eiszeit, was uns Zweiradfahrer natürlich besonders durch Hügel und Kurven fasziniert. Viele Seen, Moore und Wälder geben der Landschaft fast ein skandinavisches Gepräge und man sollte hier auch durchaus einmal einen Tag zum Wandern einplanen. Von der höchsten Erhebung der Hüttener Berge, dem Scheelsberg (106 m) kann man sowohl die Eckernförder Bucht als auch die Schlei erkennen und so die gefahrene Tour noch einmal mit den Augen verfolgen.

Die Fähre von Sehestedt bringt uns in den Naturpark Westensee. Das Gebiet um den gleichnamigen See ist ca. 25.000 Hektar groß und liegt im Städtedreieck Rendsburg-Kiel-Neumünster. Auch diese wirklich wunderschöne Landschaft wird meistens links oder rechts liegen gelassen, wenn man auf den Autobahnen A 7 oder A215 in Richtung Norden eilt. Wir erfreuen uns an der Ruhe und Einsamkeit dieser Gegend.
Als wir schließlich wieder auf dem Parkplatz des MotoRoute-Hotels Wittorf stehen, blicken wir auf einen in jeder Hinsicht gelungenen Tag zurück. Die Reifen der Super Tenere beweisen außerdem, dass wir noch mit einem weiteren Vorurteil aufräumen können, nämlich der irrigen Annahme, dass es hier im Norden keine Kurven gäbe. Das Gegenteil beweisen Verena und Karl-Heinz mit ihren Tourentipps jederzeit gerne.

Wir haben freundliche, offene Menschen getroffen, die keineswegs stur und verschroben sind. Die ausgeprägte Hilfsbereitschaft der schleswig-holsteinischen Landbevölkerung zeigt sich auch an folgender Geschichte: Ein Touristenpaar auf einer schweren Tourenmaschine hat sich auf den kleinen Landstraßen in der Nähe der Schlei hoffnungslos verfahren. Als auch noch das Navigationsgerät seinen Geist aufgibt, ist guter Rat teuer. Die Straße wird immer schmaler, die Teerstraße wird zu einem Schotterweg. Schließlich entdecken die Beiden einen Bauern auf seinem Feld und fragen ihn: „ Entschuldigung, führt diese Straße in Richtung Kappeln?“ Der Landwirt überlegt lange und sagt dann:“ Das weiß ich leider nicht.“ Die Beiden fahren weiter und sehen nach einigen hundert Metern im Rückspiegel, dass der Bauer und ein weiterer Mann ganz aufgeregt winken. Mühsam wird das schwere Motorrad gewendet und man kämpft sich den Sandweg zurück. Schweißüberströmt kommen die Motorradfahrer wieder bei dem Bauern an, der stolz auf den zweiten Mann zeigt und sagt: „Das ist mein Nachbar, der weiß es auch nicht!“
Willkommen im Norden von MotoRoute Land!

Zuerst veröffentlicht im MotoRoute-Magazin 2013.

 

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